Austausch im Schöninger Schloss: (v.li.) Frank Barche, Claudia Backhauß, Wolfgang Waldau, Karsten Bock, Jörn Domeier, Doreen Griesche und Nina Günther.

Informationsgespräch zum ErzieherInnen-Mangel

Elternvertretung und Träger schilderten MdL Domeier die aktuelle Brisanz der Betreuungssituation in Kitas

Der Mangel an Fachkräften ist derzeit in den unterschiedlichsten Bereichen deutlich spürbar und nicht ohne Folgen. Davon betroffen sind insbesondere Kindertagesstätten, für deren Leitung es immer mehr zum Kraftakt wird, den regulären Betrieb aufrecht zu erhalten. Eine Ursache für das Fehlen von Erziehern und Erzieherinnen liegt unter anderem an der derzeit in Niedersachsen gängigen Ausbildungspraxis. Vier Jahre nimmt diese in Anspruch, ist nicht im Dualen System möglich und mit der finanziellen Vorleistung der Auszubildenden verbunden. Fazit: Es fehlt an Nachwuchs in den Betreuungseinrichtungen, deren Bedarf seit 2018 mit der Einführung der Beitragsfreiheit noch einmal gestiegen ist.

Welche Dimension dieser Mangel annehmen kann, wurde in den vergangenen vier Monaten in der Kita St. Vincenz mehr als deutlich. Insgesamt elf Mal musste die Einrichtung die Betreuung im Notbetrieb durchführen, jeweils über mehrere Tage. Gruppen blieben geschlossen, die Betreuungszeiten wurden gekürzt. Verständlich, dass Eltern mit dieser unzuverlässigen Situation nicht zufrieden sein können.

Auf Initiative eines Vaters und zweier Elternvertreterinnen der Kita St. Vincenz nahmen nun die Stadt Schöningen als Träger dreier Einrichtungen und die Kirchengemeinde St. Vincenz und St. Lorenz mit ihren zwei Kitas die Gelegenheit wahr, den Landtagabgeordneten Jörn Domeier zu einem Informationsgespräch in das Schöninger Schloss einzuladen. Dem Städtischen Direktor Karsten Bock und Pfarrer Frank Barche war es ein Anliegen, sowohl die Perspektive der Träger als auch der Eltern dazustellen und dem Politiker diese Eindrücke mit nach Hannover in den Landtag zu geben.

Eindringlich schilderten die Elternvertreterinnen Doreen Griesche und Nina Günther die Betreuungssituation und die Auswirkungen auf das familiäre und berufliche Leben. „Uns ist bewusst, dass dafür kurzfristig seitens der Politik keine Lösung geschaffen werden kann“, so Doreen Griesche, „aber die Verbesserung der Grundsituation und Rahmenbedingungen für die Bindung qualifizierten Personals muss durch die Gremien des Landtages herbeigeführt werden.“
Einig waren sich alle Anwesenden, darunter der stellvertretende Bürgermeister und Vorsitzende des Ausschusses für Bürgerdienste, Wolfgang Waldau, sowie die Fachbereichsleiterin für Bürgerdienste, Claudia Backhauß: Das größte Defizit ist, dass Kindertagesstätten nicht in die Rolle des Ausbilders übernehmen dürfen. „Sofort wären die Träger bereit, entsprechende Ausbildungsplätze zu schaffen und natürlich auch eine Ausbildungsvergütung zu zahlen“, versicherte Karsten Bock. Aber die derzeit lange Dauer und die finanzielle Situation wären eine große Last für die Ausbildungswilligen, ergänzte Pfarrer Frank Barche, und schreckten letztendlich viele Interessierte ab.

Darüber hinaus informierte Karsten Bock, dass in den Schöninger Kitas auch keine Auszubildenden im Beruf der pädagogischen Sozialassistent/in in ihren Praktika eingesetzt werden können, was zu einer personellen Entlastung führen könnte. Dies sei nur deshalb nicht möglich, da die Berufsschulen einen „Betreuungsradius“ ihrer im Praktikum befindlichen SchülerInnen von 30 Kilometern festgelegt haben: „Da die zwei in Frage kommenden Schulen in Braunschweig und Wolfsburg liegen, fällt Schöningen raus. Umso bedauerlicher, dass die Etablierung eines Ausbildungsganges Sozialassistent/in an der BBS Helmstedt bereits zum zweiten Mal aufgrund fehlender Dozenten gescheitert ist.“ Sicher gäbe es auch Initiativen des Landes zur Qualifizierung von Personal, jedoch seien sie nicht vergleichbar mit einem dualen Modell, wie es z. B. in Baden-Württemberg, Bayern und Mecklenburg- Vorpommern bereits praktiziert werde.

„Bereits im Jahr 2018 wurde vom Niedersächsischen Städtetag ein Konzept zur Installation des Dualen Ausbildungssystems vorgestellt. Es stellt sich die Frage, warum das Land dieses Konzept nicht unterstützt“, so Karsten Bock. Er wies darauf hin, dass in den kommenden Jahren die Stadt dem Rechtanspruch auf einen Kita-Platz weiter Rechnung tragen werde. Neue Plätze werden geschaffen, auch in Zusammenarbeit mit anderen Trägern wie beispielsweise dem DRK im Hopfengarten, wo drei Gruppen entstehen werden. „Sie nützen jedoch nichts, wenn die notwendigen Fachkräfte nicht gefunden werden.“

Jörn Domeier versprach, aus dem Gespräch zwei wichtige Impulse aufzunehmen, um mittelfristig eine Verbesserung herbeizuführen. So möchte die SPD den „Betreuungsradius“ der zwei Berufsschulen von 30 auf 40 Kilometer vergrößert wissen, damit keine Nachteile für den ländlichen Bereich erzeugt werden. Darüber hinaus ist es notwendig, dass der Landkreis als Träger der örtlichen Jugendhilfe und der Berufsbildenden Schule Helmstedt den entsprechenden Ausbildungsgang auf den Weg bringt.